Heterogenität.
Wert.Schätzen.

Mittagsvorlesungen

Forschung.fordert.Interdisziplinarität

Prof. Dr. Elke Sumfleth
Universität Duisburg-Essen


Aktuelle Forschungsfelder sind heute stark interdisziplinär geprägt. Da macht die Bildungsforschung keine Ausnahme. Damit ist zwangsläufig eine hohe Heterogenität verbunden. Unter dem Tagungsmotto Heterogenität.Wert.Schätzen wünscht sich die diesjährige Tagungsleitung, dass „durch die Vorstellung der wissenschaftlichen Ergebnisse Themen der Bildungsforschung aus verschiedenen disziplinären Perspektiven beleuchtet werden und aus dem Zusammenführen der verschiedenen Blickwinkel ein umfassenderes Bild zu Fragen der Bildung entsteht.“ Dies ist sicherlich ein Ziel, dass die Arbeit bei uns in Essen im Forschungsverbund von nwu in den letzten 10 Jahren geprägt hat.

Im Vortrag werde ich zum einen – teilweise auch anekdotenhaft – auf die Mühsal dieses Kooperationsprozesses eingehen und aber auch den zu erzielenden Gewinn darstellen. Zum anderen stellt sich aber auch die Frage nach dem Ausmaß an Heterogenität. Auf der Tagungshomepage wiederum kann man lesen „Beiträge aus der Bildungsökonomie, der Erziehungswissenschaft, den Didaktiken, der Psychologie und der Soziologie, die sich bildungsrelevanten Themen mit empirischen Ansätzen nähern, sind gleichermaßen erwünscht.“ Hier scheinen die „Didaktiken“ nahezu ein homogenes Fach zu sein. Abgesehen von der Spannbreite von Literaturdidaktik bis Mathematikdidaktik werden selbst in der sogenannten „Naturwissenschaftdidaktik“ mindestens drei verschiedene Sprachen gesprochen und Forschungsergebnisse sind nicht einfach von Chemieunterricht auf Biologie- oder Physikunterricht zu übertragen. An verschiedenen Projekten und ihren Ergebnissen werde ich die Vielfalt erläutern. Auch hier ist die Welt sehr bunt.


Heterogenität als Problem oder als Potenzial?

Prof. Dr. Rolf Becker
Universität Bern

Dem Bildungssystem werden Aufgaben wie Qualifizierung – Förderung und Forderung von Talenten – und Selektion nach Leistung – d.h. Gewährung angemessener Lerngelegenheiten – und Allokation – Zuordnung von Individuen auf Positionen nach erworbener Bildung – zugeschrieben. Neben der formalen Chancengleichheit sind hierbei auch die Grundsätze von „Chancengerechtigkeit“ zu erfüllen. Die Fakten sind andere: Bildungs- und Kompetenzarmut auf der einen Seite und soziale Exklusivität der Chancen von Bildungschancen und für den Erwerb von Bildungsabschlüssen. Offensichtlich gelingt es dem deutschen Bildungssystem nicht, vorhandende Bildungspotenziale in den nachwachsenden Jahrgängen effizient zu nutzen, Talente in ausreichender Menge zu fördern und für ausreichende Bildungsergebnisse zu sorgen. Die Vielfalt und Heterogenität von Begabungen der Kinder und Jugendlichen bei der Einschulung wird offensichtlich zu wenig genutzt und scheinen – in der Regel gekoppelt an deren soziale Herkunft, Geschlecht und Migrationshintergrund – im Schul- und Ausbildungsbereich verschwendet zu werden. Bei der Selektion und Allokation werden Talente häufig falsch diagnostiziert und aussichtsreiche Talente von nützlichen Lerngelegenheiten und weiterführenden Bildungswegen abgelenkt. Nicht selten ist hierbei ambivalent, ob hierbei leistungsfremde Kriterien die Förderung und Forderung von Bildungspotenzialen in der Schulbildung, Berufsausbildung, Hochschulbildung und Weiterbildung dominieren.

Es stellt sich die Frage, was sich eine Gesellschaft an Talenten und Begabungen verschenkt durch ein ineffizientes und ineffektives Bildungssystem? Wie viele Qualifikationen gehen dem Arbeitsmarkt sowie für die gesellschaftliche Entwicklung verloren? Warum lassen sich – trotz Bildungsexpansion und Bemühungen um Bildungsreformen – Bildungserfolge, Bildungserwerb und die Struktur der Bildungsergebnisse anhand sozialer Herkunft, Geschlecht und Migrationshintergrund vorhersagen? Wie müsste ein Bildungssystem aussehen, welche die Vielfalt erkennt und nutzt und die Heterogenität von Begabungen eher als Potenzial ansieht statt als Problem behandelt? Was müsste ein Bildungssystem in Zukunft für die Sozial- und Systemintegration leisten? Inwieweit müssen Stratifizierung und Segmentierung des Bildungssystems reduziert werden, um Bildungspotenziale optimal ausschöpfen zu können oder um Voraussetzungen zu schaffen, dass Bildungschancen wahrgenommen werden können ohne dass neue Prozesse sozialer Schließung in Gang gesetzt werden? Welche gesellschaftlichen Voraussetzungen außerhalb des Bildungssystems müssen geschaffen werden, damit im und durch das Bildungssystem soziale Heterogenität als Potenzial erkannt und genutzt wird, damit Individuen Lebenschancen nicht vorenthalten werden und damit die Allgemeinheit daraus Nutzen zieht? Welche Beiträge kann eine sozialwissenschaftliche Bildungsforschung in der nächsten Zukunft für diese Problemstellung leisten?


Heterogenität und Schulentwicklung

Frau Prof. Dr. Maag Merki
Universität Zürich

Aktuelle Angebots-Nutzungsmodelle oder dynamische Modelle der Schuleffektivität gehen davon aus, dass Lernangebote in Abhängigkeit der kognitiven, motivationalen, sozialen oder familiären Voraussetzungen der Schülerinnen und Schüler differieren bzw. differieren müssen, sollen sie ertragreich für das Lernen der Schüler/innen sein. Zudem zeigen Befunde aus der Professionalisierungs- und Unterrichtsentwicklungsforschung, dass Lernangebote ihr Potenzial für effektives Lernen der Schüler/innen nur dann entfalten, wenn es gelingt, sie in einem systematischen und zielorientierten Entwicklungsprozess neuen Kontextbedingungen oder Konstellationen in der Schule / im Unterricht anzupassen und dabei die entsprechenden Rekontextualisierungsprozesse sowie Voraussetzungen der beteiligten Akteure zu berücksichtigen.

Dies impliziert eine doppelte Heterogenität:
Heterogenität auf der Nutzungsseite erfordert ein differenzielles Angebot auf Klassen- und Schulebene, um den unterschiedlichen Voraussetzungen der Schüler/innen gerecht zu werden. Angebote in Klassen oder Schulen mit einem hohen Anteil an Kindern mit Migrationshintergrund werden sich beispielsweise von jenen unterscheiden mit einem geringen Anteil an Kindern mit Migrationshintergrund. Zudem werden binnendifferenzierende Angebote zwischen den Schüler/innen innerhalb der Schule oder Klasse sichtbar werden. Unter dieser Perspektive kann als Analysegegenstand die Heterogenität der Schüler/innen in Klassen und Schulen und ihre Relation zum Lernangebot betrachtet werden, wobei die Varianz zwischen Schulen / Klassen aufgrund unterschiedlicher Nutzungskonstellationen von besonderem Interesse ist.

Heterogenität auf der Angebotsseite wiederum bedeutet, dass trotz vergleichbarer Kontextbedingungen bzw. Nutzungsvoraussetzungen unterschiedliche Strategien auf Schul- oder Klassenebene eingesetzt werden. Dabei wird berücksichtigt, dass Lernangebote Ergebnisse eines mehr oder weniger expliziten Rekontextualisierungs- und Transformationsprozesses in der Schule, im Kollegium oder von einzelnen Lehrpersonen sind, welcher beeinflusst wird von den Kompetenzen, Einstellungen, Orientierungen oder Motivationen der verschiedenen Akteure. Unter dieser Perspektive kann als Analysegegenstand die Heterogenität zwischen den Schulen, Kollegien oder Fachteams bezüglich der Gestaltung des Lernangebots in Relation zu den Nutzungsmöglichkeiten der Schüler/innen betrachtet werden, wobei vor allem die Varianz zwischen den Schulen / Klassen aufgrund ähnlicher Nutzungskonstellationen interessiert.

Diese zweite Perspektive wird im Fokus des Referates stehen. Neben der theoretischen und empirischen Erörterung des Problemzusammenhangs werden das Forschungsdesign sowie erste Ergebnisse eines aktuellen, kontrastiv angelegten Forschungsprojektes zur Diskussion gestellt. In diesem werden u.a. schulinterne Orientierungen von Schulleitungen in Primarschulen der Stadt Zürich mit einem vergleichbaren sozialen Kontext (hoher Anteil an Schüler/innen mit Migrationshintergrund), aber grosser Heterogenität bezüglich der eingesetzten Schulentwicklungsstrategien hinsichtlich adaptiv-kompensatorischer Förderstrategien untersucht.